Hast du mal wieder was geschrieben?

Eine häufige Frage jener Menschen, die mich nur gelegentlich treffen und meine Aktivitäten auch nicht via Social Media verfolgen. Sie staunen dann nicht selten über meine Veröffentlichungen seit unserer letzten Begegnung.

Aber auch wenn ich gerade nichts veröffentlicht habe, ja selbst wenn ich gerade gar nicht schreibe, schreibe ich. Wahrscheinlich kennen das andere notorische Schreiberlinge ebenfalls, diesen abgespalten kleinen Teil im Gehirn, der stets alles mit dem Schreiben in Beziehung setzt. Da wird beim Betrachten einer schönen Landschaft bereits überlegt, welche Worte ihr am ehesten gerecht würden. Gespräche werden abgespeichert und auf eventuelle Verwendbarkeit einzelnen Redewendungen geprüft. Der Wissenschaftsbeitrag im Fernsehen löst Überlegungen aus, wie er sich in den nächsten Roman einbauen ließe oder wenigstens in eine Kurzgeschichte und beim Lesen wird auch noch der innere Lektor aktiv.

Zum Glück schaffe ich es inzwischen, letzteren selbständig arbeiten zu lassen, sodass die Hauptpersönlichkeit die Geschichte genießen kann. Eine Zeitlang war das Lesen eines Romans mehr Herausforderung als Spaß.

Vor dem eigentlichen Tippen braucht man natürlich zumindest das Grundgerüst einer Geschichte, den Plot. Dieses Grundgerüst zu entwerfen nennt man plotten und wie viele andere Schreiberlinge liebe ich es zu plotten. Kaum ist der Kopf mal nicht voll beansprucht, dann wird an einer Geschichte herumgesponnen.

Gelegentlich spiegeln sich diese inneren Vorgänge in meiner Gesichtsmimik, was schon dazu geführt hat, dass andere Reiter dachte, ich hätte einen Fehler bei ihnen entdeckt. So ist mir schon passiert, dass ich nichtsahnend mein Pferd mit langen Zügeln trocken geritten habe, geistig jedoch bereits dabei war, dem Bösewicht in meiner Geschichte den Garaus zu machen, nur um unvermutet von einer Stimme aus meinen Gedanken gerissen zu werden. „Der Galoppwechsel war total schlecht – oder?“ Ich (irritiert): „Keine Ahnung. Wieso?“ „Du hast so böse geschaut.“

Mein Gesichtsausdruck hängt natürlich vom Inhalt des jeweiligen Kapitels ab. Fällt mir etwas Witziges oder besonders Gemeines ein, dann legt sich ein Grinsen über mein Gesicht. Auch das kann zu Irrtümern führen. So kam einmal eine Reiterkollegin zu mir in die Box als ich gerade beim Ausmisten war, sah mich prüfend von der Seite her an und meinte: „Du schaust voi eigracht aus.“ (Übersetzung: „Du siehst total zugedröhnt aus.“).

Ich mag vielleicht so aussehen, aber ich bin es nicht. Zum Entwickeln schräger Geschichten habe ich bisher noch nie psychoaktive Substanzen benötigt. Ich bin auch nüchtern bereits verrückt genug. Inzwischen hat man sich im Stall daran gewöhnt, dass mein Gesichtsausdruck nicht zwangsweise mit dem aktuellen Geschehen zu tun haben muss.

Die Leute, die mich regelmäßig treffen, wagen kaum noch, mich nach meiner Schreibe zu fragen. Sie wissen, dass sie dann einen mindestens viertelstündigen Vortrag über den Stand des aktuellen Kapitels über sich ergehen lassen müssen. Und die Antwort auf die Frage, ob ich wieder mal was geschrieben habe, kennen sie sowieso, denn die lautet immer ja. Schließlich schreibe ich ständig. Selbst wenn ich nicht schreibe.

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