Ich wollte auch schon immer mal einen Roman schreiben

Gibt man sich als Autor zu erkennen, wird man häufig mit Noch-Nicht-Autoren konfrontiert, die ihre Ideen wortreich ausbreiten. Doch auch wenn diejenigen Menschen, deren Innenleben nicht von unablässig hochquellenden Geschichten erfüllt ist, sich gar nicht vorstellen können, wo Autoren ihre ganzen Ideen hernehmen, ist die Idee nur die Basis. Es heißt nicht umsonst: Zehn Prozent Inspiration und neunzig Prozent Transpiration, also harte Arbeit.

Ich selbst vergleiche diesen Prozess gerne mit der Erziehung eines Hundes. Zuerst ist da die Idee, also der süße Welpe, den man einfach nur Knuddeln möchte. Um aus diesem Welpen einen wohlerzogenen Hund zu machen, braucht man eine Menge Zeit, Energie und auch Wissen. Beim Schreiben ist es nicht anders.

Genauso wie Menschen unterschiedliche Beziehungen zu ihren Haustieren haben, gibt es auch verschiedene Herangehensweisen an Texte. George R. Martin unterteilt Autoren ganz grob in Architekten und Gärtner. Die Architekten planen zuerst mal. Da wird die Welt entworfen, die Kapitel strukturiert, ein Szenenplan erstellt … Die Gärtner lassen den Samen, also die Idee, zuerst einmal wachsen und beschneiden, also bearbeiten das Ganze im Nachhinein.

Ich bin definitiv ein Gärtnertyp. Meine Herangehensweise an eine Geschichte ähnelt der von Stephen King, wie er sie in seinem Buch über das Schreiben schildert. Ich habe wohl schon mal einen groben Szenenplan im Kopf, wenn ich zu schreiben beginne, würde ich mich jedoch zwingen, diesen zuerst auszuarbeiten, verlöre ich den Spaß an der Geschichte. Nein, ich muss drauf los schreiben, ohne Rücksicht auf Lektoratsansprüche eine Rohfassung entstehen lassen. Dann wird gefeilt.

Das heißt schon mal mindestens zweimal überarbeiten, bevor den Text irgendjemand anderer liest (einmal in Bezug auf Inhalt und dann noch in Bezug auf Rechtschreibung und Tippfehler, wobei ich beim zweiten Mal meist laut lese, um mehr Fehlerchen zu entdecken).

Andersherum ginge es vielleicht schneller, aber dann verlöre ich ehrlichgesagt die Lust am Schreiben. Es macht mir einfach unglaubliche Freude, die Geschichte zuerst einmal wild wuchern zu lassen. Anfangs war das Überarbeiten eher Überwindung (ich hatte wohl ebensolche Hemmungen, meinem Text Grenzen zu setzen, wie manche Hundebesitzer, mal streng zu ihrem Liebling zu sein), inzwischen macht es mir jedoch genauso viel Spaß wie das Schreiben der Rohfassung. Vielleicht weil ich oft genug erlebt habe, wie sich der Text durch das Überarbeiten verbessert, die Geschichte spannender wird (ist schon cool, wenn man seinen Hund ruft, um er kommt tatsächlich –  nur um bei diesem Vergleich zu bleiben).

Die nächste Herausforderung, wenn man veröffentlichen möchte: Man muss sich der Kritik am heißgeliebten eigenen Text stellen. Welch glückliche Momente, wenn der Lektor oder die Lektorin nicht viel zu meckern hat und das vielleicht auch noch lobend in der Begleitemail erwähnt. Umso niederschmetternder, wenn das Urteil weniger positiv ausfällt. Aber auch damit muss man leben und kann nur besser werden, wenn man sich mit eventuellen Kritikpunkten auseinander setzt.

Um jedoch überhaupt soweit zu kommen, um Texte zu haben, die beurteilt werden können, um herauszufinden welcher Typ Autor man ist, muss man zuerst einmal schreiben. Um zu lernen, wie ich einen Hund richtig erziehe, reicht es schließlich auch nicht, niedliche Welpen zu knuddeln. Vielleicht die verschiedenen Techniken bei kürzeren Texten ausprobieren. Vielleicht auch die eine oder andere Kurzgeschichte zu einem Wettbewerb einschicken. Wird man angenommen, motiviert der Erfolg zum Weiterschreiben und die Zusammenarbeit mit dem Lektorat eröffnet einen neuen Blick auf den eigenen Text.

Außerdem macht das Niederschreiben der Ideen den Kopf frei. Geht zumindest mir so. Wenn ich nicht schreibe, sind es immer wieder dieselben Ideen, die sich im Kreis drehen wie ein Karussell. Banne ich sie auf Papier oder in den Computer, schaffe ich Platz für Neues.

Wer also eine Geschichte in sich trägt, sollte nicht sagen: „Ich wollte schon immer mal einen Roman schreiben“, sondern: „Ich schreibe einen Roman“. Schließlich heißt es nicht umsonst: ‚Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt.‘

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Ein Kommentar

  1. lunaewunia

    Ein sehr guter und motivierender Text. Danke 🙂 bei mir hat es auch eine Weile gedauert, bis ich heraus gefunden habe, wie ich am besten Schreibe…… Und dann sollte man halt wirklich einfach loslegen ^^

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